Mund auf!

Manchmal fällt es uns schwer, Gedanken in Worte zu fassen, weil der Kopf zu laut ist, alles durcheinander spricht, aber kein Satz zu Ende gedacht wird.

Manchmal wissen wir genau, was wir sagen wollen, sind dann aber dennoch unfähig diese sorgfältig ausgewählten Worte wirklich über die Lippen zu bekommen, sei es aus Scham, Angst oder fehlendem Mut.

Dabei entfalten Gedanken ihre Bedeutung oft erst dann, wenn sie ausgesprochen werden, wenn sie laut zu hören sind, denn, wenn sie laut hörbar sind, können sie verstanden, aber auch missverstanden, hinterfragt oder unterbrochen werden.

Beim Sprechen sind wir nie wirklich frei, werden von den Reaktionen des Gegenübers direkt beeinflusst und passen das Gedachte viel zu oft schlagartig an.

Manchmal ist es aber auch schlichtweg zu schwer, das Gedachte in hörbare Worte zu verwandeln, weil das Gesagte zu schwer wiegt, Emotionen hervorholt, uns Tränen in die Augen schießen lässt, unseren Hals enger werden und die Stimme brechen lässt, bis schließlich kein verständliches Wort mehr herausgebracht werden kann.

Manchmal möchten wir ehrlich sein, können es aber nicht. Manchmal möchten wir nach Hilfe fragen, können es aber nicht. Manchmal möchten wir Zuneigung und Interesse zeigen, können es aber nicht.

Manchmal möchten wir uns aber auch nicht eingestehen, dass wir das Gedachte wirklich gedacht haben, dann fühlt sich das Sprechen darüber an, als würden wir uns selbst verraten. Das In-Worte-Fassen macht das bislang Unsichtbare sichtbar und das Verdrängte plötzlich real.

Vielleicht ist es zu viel verlangt, von jetzt auf gleich den Gedanken eine Stimme zu verleihen, vielleicht braucht es einen Zwischenschritt, um den Mut aufzubringen, irgendwann einmal frei darüber sprechen zu können.

Vielleicht ist das Aufschreiben der eigenen Gedanken genau dieser erste mutige und zugleich sichere Schritt. Vielleicht kannst du deine Ehrlichkeit in geschriebenen Worten finden, bevor du sie irgendwann einmal in hörbare Worte verwandelst.

„Mund auf“ ist ein Appell an das Lautwerden, an das Teilen von Erfahrungen, Ängsten, Sehnsüchten und Wünschen. Doch weil das Lautwerden oft so schwerfällt, soll das geschriebene Wort als Zwischenschritt zum gesprochenen Wort dienen. Lasst uns gemeinsam den Mund aufmachen!

Ich mache dabei den Anfang und gebe in 26 individuellen Texten kurze, teils sehr persönliche Worte preis: Sehnsüchte, Erfahrungen, Bedauern und Wünsche, die ich selbst noch nicht in gesprochene Worte fassen kann, mir jedoch durch diesen Zwischenschritt erhoffe, bald den Mut zu erlangen, diese Worte auch über meine noch geschlossenen Lippen zu bringen.

Das Projekt besteht aus 26 Unikaten. Jedes enthält ein originales, handgemaltes Acrylbild eines geschlossenen Mundes im Format 5,5 × 8,5 cm auf Aquarellpapier sowie einen individuellen Text. Alle Münder sind auf den Bildern (noch) geschlossen und zeigen damit genau den Moment vor dem Sprechen, den Moment, in dem noch alles unausgesprochen ist.

“Mund auf” ist ein Kunstprojekt, das im Rahmen des Kunstautomats “artOmate” entstanden ist. Die Kunstwerke können hier in der Nürnberger Südstadt erworben werden.